Sie sind vergleichsweise langsam, die Charts zeigen (auf den ersten Blick) oft und lange nach unten und ich verstehe sehr gut, warum Finfluencer sie ignorieren und Banker sie nur vertreiben, wenn sie ihnen vom Anlageprogramm vorgegeben werden. Anleihen sind das ungeliebte Stiefkind im Depot: Es wundert mich also nicht, dass Neukunden mich immer fragen, warum um Himmels willen, sie so etwas unrentabel-langweilig-kompliziertes im Depot haben sollten?

Aber wenn Aktien die Schlagzeilen beherrschen und Kryptos die Aufmerksamkeit bekommen, so sind doch Anleihen diejenigen, die still in der Ecke sitzen und dafür sorgen, dass alles zusammenhält.

Genau deshalb mag ich sie.

Trotzdem Vorsicht: Anleihen sind nicht automatisch sicher und auch nicht automatisch langweilig. Schauen wir uns genauer an, was dahintersteckt und welche Rolle sie in deinem Depot spielen können:

Was ist eine Anleihe überhaupt?

Das Prinzip ist einfach: Du leihst jemandem Geld und der dazugehörige Kreditvertrag ( = das werthaltige Papier, auf dem dieser Vertrag verbrieft ist) heißt „Anleihe“. Der Jemand – also Dein Schuldner – kann entweder ein Staat (oder eine öffentliche Hand) sein, zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland, oder eben ein Unternehmen, also unterscheiden wir zwischen Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Dein Schuldner verspricht dir – wie bei jedem Kreditvertrag – zwei Dinge:

Erstens zahlt er Dir regelmäßig Zinsen, wie viel, steht auf dem den sogenannten (Zins-) Kupon. Zweitens die Rückzahlung des geliehenen Betrags, den Nennwert, am Ende der Laufzeit.

Du bist also nicht der Schuldner, sondern der Gläubiger. Ein angenehmer Platz, solange der Schuldner zahlungsfähig bleibt.

Vier Begriffe, die du kennen solltest

Nennwert: Der Betrag, den Du verleihst und der Dir am Ende der Vertragslaufzeit zurückgezahlt wird. (Im einfachen Staats- und Unternehmensanleihebereich meist 1.000 Euro pro Stück Wertpapier.)

Kupon: Der feste Zinssatz, bezogen auf den Nennwert. Er bleibt über die gesamte Laufzeit gleich (naja, nicht immer. Aber lass uns mal bei der einfachen Form dieser Wertpapiergattung bleiben.)

Laufzeit: Das Datum, an dem die Anleihe fällig wird und du dein Geld zurückbekommst.

Rendite: Hier wird es spannend. Denn nicht alle kaufen eine Anleihe, legen sie ins Depot und warten, bis sie wieder fällig wird. Während der Laufzeit des Kreditvertrags kann das Wertpapier nämlich an den Börsen ver- und gekauft werden und wie immer kommt hier – abhängig von Angebot und Nachfrage – ein Kurs zustande. Die Rendite zeigt dir, welchen Ertrag du erzielst, wenn du zum aktuellen Kurs kaufst und bis zum Ende hältst.

Daher sind Kupon und Rendite nicht dasselbe.

Warum Anleihen ins Depot gehören

Ein Depot ohne Anleihen ist wie ein Auto ohne Stoßdämpfer. Es fährt, aber auf der Börsenautobahn mit ihren vielen Schlaglöchern wird es auf einer langen Fahrt dann doch mal recht ungemütlich.

Anleihen können dir helfen, die großen Schwankungen im Aktienbereich abzufedern: Wenn die Aktienkurse fallen, bewegt sich der Gesamtwert deines Depots weniger stark nach unten, wenn ein Teil Deines Geldes eben in dem weniger stark fallenden Anleihebereich investiert ist. Mit einem Anleiheteil reduzierst Du also die Fallhöhe in Deinem Depot: Wenn es crasht, dann merkst Du das natürlich auch – aber Du fällst lange nicht so hart und tief, als hättest Du nur Aktien im Depot.
Außerdem hast Du mit Anleihen „Jongliermaterial“. Da Aktien und Anleihen negativ korrelieren (sie laufen also entgegengesetzt: steigen Aktien, fallen Anleihen und umgekehrt), kannst Du mittels strategischen Rebalancings nicht nur das Risiko in Deinem Depot reduzieren, sondern auch jeweils günstige Einstiegskurse nutzen. (Liest sich jetzt vielleicht erstmal kompliziert an – ist es aber nicht. Kann ich Dir in der Arbeit mit mir ganz in Ruhe beibringen, ist jetzt aber zu komplex für diesen kleinen Blogartikel.)

Außerdem schaffen Anleihen Planbarkeit. Wenn du der Entnahmephase näherkommst, sind verlässliche Zahlungen nämlich wertvoller als schwankende Aktienkurse: wer will schon seinen Jahresbedarf an Zusatzrente aus einem Aktiendepot entnehmen, welches gerade um 40 % gefallen ist?.

Aber eine Garantie sind auch Anleihen nicht. Im Jahr 2022 sind die Kurse vieler Anleihen kräftig gefallen, als die Zinsen gestiegen sind. Auch Anleihen können wehtun. Das Ziel ist nicht, Verluste auszuschließen, sondern sie in einem Rahmen zu halten, mit dem du leben kannst.

Die Risiken, mal ganz offen

Jede Anleihe hat Risiken. Die wichtigsten sind:

Zinsrisiko: Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen mit niedrigerem Kupon. Das klingt kompliziert, ist aber logisch. Warum sollte dir jemand deine Anleihe mit 2 Prozent abkaufen, wenn er für neue Anleihen 4 Prozent bekommt?

Bonitätsrisiko: Der Schuldner kann seine Zinsen nicht mehr zahlen oder pleitegehen. Bei Staaten passiert das selten (aber ohja, es passiert), bei Unternehmen eher mal.

Inflationsrisiko: Ist die Inflation höher als dein Kupon, verliert dein Geld real an Kaufkraft.

Währungsrisiko: Anleihen in Fremdwährungen können durch Wechselkursschwankungen Geld kosten oder bringen. Für den Einstieg würde ich davon eher abraten.

Liquiditätsrisiko: Nicht jede Anleihe lässt sich jederzeit zu einem fairen Kurs verkaufen.

Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen?

Die Faustregel lautet: Mehr Zins bedeutet mehr Risiko.

Staatsanleihen aus stabilen, bonitätsstarken Ländern wie Deutschland gelten als sehr sicher, bringen dafür aber weniger Zins. Unternehmensanleihen zahlen i.d.R. mehr Zinsen weil Unternehmen natürlich weniger sicher als Staaten sind. Umso schlechter ein Unternehmen oder ein Staat wirtschaftlich da steht, um so mehr Zinsen müssen sie anbieten, damit sich jemand findet, der ihnen Geld leiht – wie im wahren Leben.

Da wir Anleihekäufer ja keinen umfassenden Einblick in den Zustand des Staates oder Unternehmens haben, erleichtern uns Rating-Agenturen die Arbeit: sie bewerten die Bonität des Schuldners mit Noten (ähnlich unseres Kreditscores, den wir als Privatpersonen bei der Schufa haben). Anleihen mit solider Bewertung, (da geht es bei BBB- los bis AAA (das beste, was man haben kann) – das sind dann sogenannte Investment-Grade-Anleihen), haben ein vergleichsweise geringes Ausfallrisiko.
Alles unter Investment-Grade (also High Yield (Hochzins-) Anleihen oder Junk-Bonds) sind eher einem Hochrisikobereich zuzuordnen und erfüllt daher in einem strategischen Depot nicht die Kriterien, die wir anlegen, sollen die Anleihen nicht spekulativ eingesetzt werden (kann man auch machen, ist aber nix für Laien).

Einzelanleihen oder Fonds und ETFs?

Hier gibt es keine allgemeingültige Antwort. Meine Sicht als Honorarfinanzanlageberaterin:

Einzelanleihen haben einen klaren Vorteil: Du weißt, was du bekommst, und wann du dein Geld zurückbekommst. Du kannst Laufzeiten gezielt planen, zum Beispiel für eine Anschaffung in einigen Jahren. Der Nachteil: Du brauchst Zeit, Wissen und eine gute Streuung, sonst hängt viel an einem einzigen Schuldner.

Anleihen-ETFs und -Fonds streuen breit über viele Schuldner und sind für die meisten Privatanleger der einfachere Weg. Der Nachteil: Ein Fonds hat kein Enddatum. Der Kurs schwankt dauerhaft, und eine feste Rückzahlung zu einem bestimmten Termin gibt es nicht.

Laufzeitfonds sind ein Mittelweg. Sie bündeln Anleihen mit gemeinsamem Endtermin. Du hast also ein Enddatum, ohne dich um einzelne Papiere kümmern zu müssen.

Für Menschen, die ein strategisches Altersversorgungsdepot haben möchten, welches wenig Arbeit macht, sind ein (oder zwei bis drei) breit gestreute Anleihen-ETFs (eventuell in Kombination mit Laufzeitfonds gegen Ende der Ansparphase) ein guter Ausgangspunkt. Achte dabei auf Kosten, Zinsempfindlichkeit und die Bonität der enthaltenen Anleihen.

Und die Steuern?

Ich weiß, das ist nicht die spannendste Stelle. Aber der Staat sitzt immer mit am Tisch, also lohnt sich der Blick:

  • Zinsen und Kursgewinne aus Anleihen unterliegen der Abgeltungsteuer von 25 Prozent, zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer.
  • Kursverluste kannst du mit Gewinnen verrechnen.
  • Dein Sparerpauschbetrag beträgt 1.000 Euro pro Jahr, bei Paaren gemeinsam 2.000 Euro. Bis zu dieser Höhe bleiben deine Kapitalerträge steuerfrei. Du musst ihn über einen Freistellungsauftrag bei deiner Bank verteilen.
  • Beim Kauf oder Verkauf einer Anleihe können Stückzinsen anfallen. Das ist der anteilige Zins seit der letzten Zinszahlung. Keine Strafe, aber gut zu wissen.
  • Bei Anleihenfonds gibt es keine Teilfreistellung wie bei Aktienfonds. Das kann deine Steuerlast beeinflussen, also schau vorher genau hin oder frag deine Steuerberater:in.

 

Nochmal kurz zusammengefasst …

Anleihen sind kein Spielgeld für Zocker, aber auch kein Tresor. Sie sind Stoßdämpfer, Planungshilfe und manchmal Liquiditätsreserve in einem.

Wer sie richtig einsetzt, gewinnt Ruhe. Und Ruhe im Depot ist mehr wert, als viele denken. Denn nur wer ruhig bleibt, zieht seinen Plan auch wirklich durch.

Ob und wie viel davon zu dir passt, ist eine sehr persönliche Frage. Genau dabei helfe ich dir gern, individuell und ohne Schablone.

Wie geht es bei dir? Hast du schon Anleihen im Depot, oder hast du bisher einen großen Bogen darum gemacht? Schreib mir gern deine Gedanken dazu. Ich bin gespannt!

Wenn du mehr Klarheit für deine eigene Situation möchtest, buche dir einfach ein kostenloses und unverbindliches Orientierungsgespräch: frau-finanzbildung.tucalendi.com/allgemein/orientierungsgepraech

Alles Liebe, Anette

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Steuerliche Angaben beziehen sich auf den aktuellen Stand und können sich ändern.