Nach einer Beratung mit meinen Kundinnen und Kunden gibt es eine Aufgabe, die zunächst ein bisschen ungewöhnlich klingt: Sie sollen einen Brief schreiben.
Keinen Brief an mich. Keinen Brief an die Bank. Einen Brief an sich selbst.
Den sogenannten Depotbrief.
Und zwar dann, wenn die Strategie frisch besprochen, die Anlageentscheidungen getroffen und die prozentuale Aufteilung festgelegt wurde. Also genau in dem Moment, in dem noch klar ist, warum Du etwas tust.
Denn in einem Jahr, wenn das Rebalancing ansteht, ist diese Klarheit nämlich häufig weg. Dann sehen wir vielleicht, dass ein Teil des Depots deutlich gestiegen ist, während ein anderer gefallen ist. Irgendwo liest Du eine dramatische Schlagzeile. Bekannte erzählen Dir, dass sie mit irgendeiner Einzelaktie „richtig abgeräumt“ haben. Und plötzlich fühlt sich Deine durchdachte Strategie gar nicht mehr so durchdacht an.Vor allem dann, wenn du gar nicht mehr so genau weißt und verstehst warum du dich so entschieden hattest.
Genau dann soll Dein Brief Dich daran erinnern, was Du heute weißt.
Warum ein Depotbrief so hilfreich ist
Geldanlage ist nicht nur eine Frage von Zahlen. Geldanlage ist auch eine Frage von Psychologie.
Wenn die Börse steigt, hält sich fast jeder für einen Anlageprofi. Wenn die Kurse fallen, sieht die Sache schon anders aus. Dann wird aus dem langfristigen Plan schnell der Wunsch, „erstmal rauszugehen“. Und aus dem geplanten Rebalancing wird ein ängstliches Herumdoktern am Depot.
Das Problem ist: In diesen Situationen entscheidest Du nicht unbedingt auf Basis Deiner Strategie. Du entscheidest auf Basis Deiner momentanen Gefühle.
Ein Depotbrief ist deshalb eine Art Geländer. Er hält fest:
- Was willst Du mit Deinem Geld erreichen?
- Wie ist Deine Strategie aufgebaut?
- Warum hast Du genau diese Anlagen ausgewählt?
- Warum ist Dein Depot genau so prozentual verteilt?
- Was darf Dich unterwegs nicht aus der Ruhe bringen?
- Unter welchen Umständen würdest Du Deine Strategie tatsächlich ändern?
Du schreibst den Brief in einer ruhigen Situation. Dein zukünftiges Ich liest ihn vielleicht in einer unruhigen.
Das ist der ganze Sinn der Sache.
So schreibst Du Deinen Depotbrief
Du brauchst dafür kein besonderes Formular und auch keine beeindruckende Finanzsprache. Im Gegenteil: Schreib so, dass Du den Brief in einem Jahr wirklich verstehst. Ein Blatt Papier reicht. Wer lieber am Computer schreibt, darf das natürlich auch.
Wichtig ist nur, dass Du den Brief wiederfindest.
1. Schreibe das Datum und Deinen Anlass auf
Beginne mit dem Datum und dem Grund, warum Du diesen Brief schreibst.
Zum Beispiel:
Liebe zukünftige Ich,
heute, am 2. September 2026, habe ich meine Vermögensanlage neu geordnet und meine langfristige Depotstrategie festgelegt. Dieser Brief soll mich beim nächsten Rebalancing daran erinnern, warum ich diese Entscheidungen getroffen habe.
Das klingt vielleicht ein bisschen feierlich. Darf es auch. Du triffst schließlich eine Entscheidung, die Dich möglicherweise über viele Jahre begleitet.
2. Beschreibe Dein Ziel
Was soll Dein Geld für Dich tun?
Geht es um Deine Altersvorsorge? Um finanzielle Unabhängigkeit? Um eine spätere Entnahme? Um mehr Sicherheit im Ruhestand? Oder um eine Kombination aus mehreren Zielen?
Schreib nicht nur „Rendite erzielen“. Das ist zu abstrakt. Geld ist kein Selbstzweck. Es soll Dir irgendwann etwas ermöglichen.
Formuliere möglichst konkret:
- Wofür ist das Geld bestimmt?
- Wann brauchst Du es voraussichtlich?
- Möchtest Du regelmäßig etwas entnehmen oder das Vermögen weiter wachsen lassen?
- Welche Schwankungen kannst und willst Du aushalten?
Je klarer Dein Ziel, desto leichter kannst Du später beurteilen, ob Deine Strategie noch zu Deinem Leben passt.
3. Halte Deine Strategie fest
Jetzt wird es konkreter: Wie lautet Deine Anlagestrategie?
Beschreibe in einfachen Worten, wie Dein Depot aufgebaut ist und welche Rolle die einzelnen Bausteine spielen. Zum Beispiel:
- Ich habe mich für eine Risikoverteilung von 70/30 entschieden
- Ein Teil bleibt sicher und stabil.
- Ein Teil investiert weltweit in Aktien und sorgt für langfristige Wachstumschancen.
- Eine bestimmte Beimischung bildet persönliche Überzeugungen oder besondere Wünsche ab.
- Die Anlagen sind breit gestreut und nicht von einzelnen Unternehmen oder Ländern abhängig.
Du musst dabei keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Es geht nicht darum, beim Lesen Deines Briefes in einem Jahr beeindruckt zu sein. Es geht darum, Dich zu erinnern.
Was ist der rote Faden Deines Depots?
4. Schreibe die prozentuale Verteilung auf
Dieser Punkt ist besonders wichtig.
Notiere, wie viel Prozent Deines Depots auf die einzelnen Anlageklassen oder Bausteine entfallen. Nicht nur ungefähr, sondern so konkret wie möglich.
Zum Beispiel:
- 30 Prozent sichere Anlagen
- 60 Prozent weltweit gestreute Aktienfonds
- 10 Prozent persönliche Beimischung
Oder natürlich ganz anders – abhängig von Deiner persönlichen Situation, Deinem Anlageziel und Deiner Risikobereitschaft.
Entscheidend ist nicht, dass die Aufteilung irgendeiner Musterlösung entspricht. Entscheidend ist, dass sie zu Dir passt und Du weißt, warum sie so aussieht.
Schreib deshalb zu jedem Anteil auch die Begründung auf:
- Warum sind es 60 Prozent Aktien und nicht 40 oder 80?
- Warum brauchst Du den sicheren Anteil?
- Welche Aufgabe hat die Beimischung?
- Was würde passieren, wenn die Aktienkurse deutlich fallen?
Eine Prozentzahl ohne Begründung hilft Dir später nur begrenzt. Die Begründung ist der eigentliche Schatz.
5. Notiere Deine Annahmen und Deine Erwartungen
Was erwartest Du von Deiner Geldanlage – und was erwartest Du ausdrücklich nicht?
Vielleicht gehst Du davon aus, dass die Märkte langfristig wachsen, aber zwischendurch deutliche Rückgänge vorkommen. Vielleicht weißt Du, dass Du nicht jedes Jahr eine positive Rendite erwarten darfst. Vielleicht hast Du Dir bewusst vorgenommen, nicht der nächsten Schlagzeile hinterherzulaufen.
Schreib es auf.
Zum Beispiel:
Ich weiß, dass mein Depot zwischenzeitlich deutlich an Wert verlieren kann. Das ist kein Beweis dafür, dass meine Strategie falsch ist. Ich habe die Aufteilung gewählt, weil ich langfristig investieren möchte und die Schwankungen aushalten kann.
Oder – genauso legitim:
Ich habe den Aktienanteil bewusst niedriger gewählt, weil ich bei starken Kursrückgängen schlecht schlafen kann. Ich verzichte damit möglicherweise auf Renditechancen, kaufe mir aber mehr Sicherheit und Durchhaltevermögen.
Das ist keine Schwäche. Das ist eine ehrliche Planung.
6. Lege fest, wann Du handeln willst – und wann nicht
Hier kommt der vielleicht wichtigste Teil des Briefes: Deine Regeln.
Was machst Du, wenn die Kurse fallen? Was machst Du, wenn ein Anlagebaustein stark steigt? Wann wird rebalanced? Und welche Ereignisse sind überhaupt ein Grund, die Strategie zu überprüfen?
Du könntest zum Beispiel festhalten:
- Ich überprüfe mein Depot einmal im Jahr.
- Ich gleiche die ursprüngliche prozentuale Verteilung beim Rebalancing wieder an.
- Ich verkaufe nicht aus Angst vor einer schlechten Nachricht.
- Ich ändere meine Strategie nicht, nur weil ein anderer Anlagebaustein gerade besser gelaufen ist.
- Ich überprüfe meine Strategie, wenn sich meine Lebenssituation, mein Anlageziel oder mein benötigter Zeithorizont wesentlich verändert.
Achtung: Das bedeutet nicht, dass Du stur sein musst, egal was passiert. Eine Strategie darf und muss angepasst werden, wenn sich Dein Leben ändert. Ein Ruhestandsbeginn, eine Erbschaft, eine Scheidung, ein Hausverkauf oder ein gesundheitlicher Einschnitt können gute Gründe sein, neu zu planen. Eine Schlagzeile ist dagegen meistens noch kein guter Grund.
7. Schreibe Deinem zukünftigen Ich eine deutliche Erinnerung
Jetzt darfst Du persönlich werden. Was möchtest Du Dir in einem Jahr sagen, wenn Du beim Rebalancing nervös wirst?
Vielleicht:
Liebe zukünftige Anette – Du hast diese Aufteilung nicht zufällig gewählt. Du hast sie gewählt, nachdem Du Deine Ziele, Deine Wünsche und Deine Ängste angeschaut hast. Bitte denke daran, bevor Du irgendetwas veränderst.
Oder etwas weniger sanft:
Nicht jede Kursbewegung braucht Deine Aufmerksamkeit. Und nicht jede Zeitung, nicht jeder Börsenkommentar und nicht der Tipp Deines Nachbarn ist eine neue Anlagestrategie.
Du darfst Dich ruhig ein bisschen ermahnen. Dein zukünftiges Ich wird es Dir vielleicht danken.
Was Du beim Rebalancing mit dem Brief machst
Wenn das nächste jährliche Rebalancing ansteht, liest Du zuerst Deinen Depotbrief. Nicht erst danach, wenn Du schon beschlossen hast, alles umzuschmeißen.
Lies ihn in Ruhe und beantworte Dir dann drei Fragen:
- Gilt mein ursprüngliches Anlageziel noch?
- Hat sich meine persönliche Situation wesentlich verändert?
- Oder bin ich nur verunsichert, weil sich die Märkte bewegt haben?
Wenn Ziel und Lebenssituation noch passen, ist das Rebalancing normalerweise eine Pflege Deiner Strategie – kein Anlass, eine völlig neue zu erfinden.
Wenn sich Dein Leben verändert hat, dann ist eine neue Beratung oder eine gründliche Überprüfung sinnvoll. Aber auch dann hilft Dir der alte Brief: Du kannst erkennen, was sich verändert hat und welche Entscheidung damals unter welchen Voraussetzungen getroffen wurde.
Das Wichtigste nochmal in Kürze:
Ein Depotbrief ist kein magisches Finanzinstrument. Er verhindert keine Kursverluste und er verspricht keine Rendite. Aber er hilft Dir, Dich selbst daran zu erinnern, warum Du Dein Geld so angelegt hast, wie Du es angelegt hast. Und das ist in unruhigen Zeiten ziemlich viel wert.
Also: Wenn Du das nächste Mal Deine Depotstrategie festlegst oder nach einer Beratung nach Hause gehst, schreib Dir einen Brief. Nicht irgendwann. Nicht „wenn Du Zeit hast“. Sondern möglichst bald, solange Deine Gedanken noch frisch sind. Dein zukünftiges Ich wird wahrscheinlich froh sein, von Deinem heutigen Ich Post zu bekommen.
Und falls Du Dich beim Schreiben fragst, ob Deine Strategie überhaupt zu Deinem Leben passt, dann ist das ebenfalls eine wichtige Erkenntnis. Genau dafür ist eine gute Finanzplanung da.
In meiner Beratung ist dieser Brief ein muss und ich lese jeden einzelnen davon durch und bespreche diesen auch nocheinmal mit dir, denn manchmal kommt so auch zum Vorschein was noch unklar ist oder was du ggf. noch nicht wirklich verinnerlicht hast. Es ist also nicht nur ein Merkinstrument sondern hilft auch beim Verstehen von Finanzen.





