Über Jahrzehnte war Riester das Symbol für staatlich geförderte private Altersvorsorge in Deutschland.
Gleichzeitig war Riester ein Symbol für Frust: hohe Kosten, magere Renditen, unübersichtliche Verträge. Du kennst das vielleicht.
Ab 2027 wird nun ein neues gefördertes Produktuniversum an die Riester-Stelle treten: das Altersvorsorge-Depot, kurz AV-Depot.
Was bleibt, was wird anders?
Die Grundidee bleibt: Die gesetzliche Rente reicht nicht aus und muss um private Vorsorge ergänzt werden – und der Staat will diese aus dem eigenen Nettoeinkommen zu leistende Vorsorge weiterhin fördern. Die Förderung wird sogar deutlich ausgeweitet: Außer nicht rentenversicherte Minijobber:innen und Hausmänner und -frauen dürfen jetzt alle die Förderung in Anspruch nehmen und der maximale Förderbeitrag ist viel höher.
Was sich ändert, ist der Weg dorthin.
Was bisher zwingend mit Garantien zum Kapitalerhalt unterlegt war, darf zukünftig auch die Chancen nutzen, die der Kapitalmarkt bietet – mit allen Vor- und Nachteilen. Und während bei Riester am Ende alle Verträge (außer die später nachgeschobene Bausparvertrags-Riestervariante) in lebenslang auszahlenden Versicherungslösungen landeten, dürfen wir in Zukunft auch das Risiko eingehen, unser Alter nur bis 85 Jahren zu planen.
Das AV-Depot ist – der Name sagt es schon – ein Depot. Dein Geld soll also in Fonds und ETFs angelegt werden, denn gerade bei einer Altersvorsorge, die über Jahrzehnte läuft, sollte das Geld auch die Chance haben, mit der Wirtschaft und der Inflation mitzuwachsen.
Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht, geradezu ein Paradigmenwechsel.
Aber natürlich kann ein solchermaßen geförderter Vermögensaufbau nicht in völliger Vogelfreiheit vonstatten gehen: es muss Regeln geben, nach denen die Förderung berechnet wird, die Anlagemöglichkeiten müssen definiert sein (sonst kämen sicherlich einige auf die Idee, einen geförderten Krypto- oder Goldsparplan abschließen zu wollen) und auch die Auszahlungsmodalitäten müssen geregelt sein (damit Du nicht alle Dein Geld auf einmal für einen Maserati ausgibst und dann doch Grundsicherung beantragen musst, weil Du den Maserati nicht essen kannst).
Comme tu veux – wie Du willst
Es wird eine völlig neue Produktwelt entstehen – und es wird für jeden was dabei sein.
Für diejenigen, die für ihr Seelenheil weiterhin eine Garantielösung brauchen, wird es die natürlich geben: Wer möchte, kann sein Geld zu 100 oder 80 % absichern. Dafür gibt es dann aber auch weniger Renditechance, denn diese Absicherung kostet Geld und muss finanziert werden.
Für diejenigen, die sich mit der Materie absolut nicht beschäftigen möchten, wird es ein Standarddepot geben: Das wird eine vorgefertige Komplettlösung sein, nach Grundsatzerkenntnissen aufgesetzt und mit Grundsatz-Fonds bestückt. Prinzipiell finde ich das gut – besser eine 08/15 Grundsatzanlage als gar keine Anlage. We will see…
Wer sich nicht der Finanzindustrie mit ihren Undurchsichtigkeiten ausliefern möchte (das war ein großer Hemmschuh bei Riester damals – ich begrüße diese neue Lösung außerordentlich!), kann ein staatliches Standard-AV-Depot besparen. Dass der Staat als Gesetzgeber gleichzeitig auch als Produktanbieter auftritt, ist ein absolutes Novum und verspricht, interessant zu werden. Noch ist über dieses Depot nicht viel bekannt – wenn es an den Start geht, werde ich natürlich darüber berichten.
(By the way: Es ist übrigens noch kein einziges Produkt endgültig zertifiziert und für den Vertrieb zugelassen. Du darfst Dir also getrost Zeit lassen (sogar bis Dezember 2027!) und mit mir zusammen erst mal schauen, was die Finanzindustrie da an sinnvollen, unsinnigen und sonst wie phantasievollen Produkten auf die Beine stellt.)
Diese Standard-Depots werden übrigens einem Kostendeckel von 1 % unterliegen – will heißen, diese Produkte dürfen nicht mehr als 1 % des Depotbestands pro Jahr an Kosten produzieren. Auch das finde ich gut – und es wird für die Riester-gebührengebeutelte Anlegerschaft (oft genug wurde die gesamte Förderung vom Produktgeber als Kosten vereinnahmt) ein guter Anreiz sein, sich wieder auf ein gefördertes Altersvorsorgesparen einzulassen.
Wer ohne Garantie selbst die Verantwortung für sein Depot übernehmen möchte, soll selbst über die Anlagestrategie entscheiden können – und trotzdem die staatliche Förderung bekommen.
Mehr Freiheit, aber keine völlige Freiheit
Jetzt bitte nicht aufatmen und denken: „Prima, dann investiere ich einfach alles in Krypto- oder Rohstofffonds!“
Nein. Ganz so frei wird es nicht werden.
Der Gesetzgeber will das Risiko begrenzen. Du kannst zwar im selbstverwalteten AV-Depot in jungen Jahren mit einer hundertprozentigen Aktienquote in ausgewählten gemanagten oder passiven Weltfonds starten, aber auch Du wirst gegen Ende der Ansparzeit um Anleihen (respektive Geldmarktfonds) als Sicherungsinstrument nicht drumherum kommen: ein Ablaufmanagement ist zwingend vorgesehen. Es werden nicht alle Fonds und ETFs kaufbar sein, Du musst Dich auf gewissen Risikogruppen (SRI-Einteilung bis 5, ich werde in einem anderen Artikel noch darüber aufklären) beschränken.
Das AV-Depot bleibt ein Altersvorsorgeprodukt mit Leitplanken und kein normales Wertpapierdepot.
Und was passiert mit meinem Riester-Vertrag?
Für alle, die bereits riestern, gibt es Entwarnung: Laufende Verträge werden weitergeführt, solange Du das möchtest. Wahlweise kannst Du auch das Kapital in ein AV-Depot umziehen und dort weitersparen. Oder Du kannst Deinen Riester still legen und mit einem AV-Depot weiter arbeiten.
Nur neue Riester-Verträge in der alten Form soll es ab dem Start des AV-Depots nicht mehr geben. Und zweigleisig fahren (alte Förderung bis zu Höchstgrenze in Riester und gleichzeitig neues AV-Depot bis zu der neuen Höchstgrenze zusätzlich besparen) geht (leider) auch (noch) nicht. Mal sehen, was da an Änderungen noch kommen wird (und es kommen sicher welche – die Sache ist noch lange nicht rund. 😉 ).
Riester wird also nicht einfach abgeschafft. Es wird schrittweise durch ein moderneres Modell ersetzt, das die private Altersvorsorge stärker mit dem Kapitalmarkt verbindet.
Ob ein Wechsel für Dich sinnvoll ist, lässt sich allerdings nicht pauschal beantworten. Ein alter Vertrag ist nicht automatisch schlecht, nur weil Riester inzwischen einen schlechten Ruf hat. Und ein neues Produkt ist nicht automatisch gut, nur weil es moderner klingt.
Schau Dir – gerne mit mir zusammen, wenn es soweit ist – die Kosten, die Garantien und die Anlagemöglichkeiten an. Und entscheide dann, was zu Dir und Deinem Ruhestand passt.
Nicht umgekehrt.
Mein vorläufiges Fazit
Das AV-Depot klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung. Aber wie gut es wirklich wird, entscheidet sich – wie so oft – im Kleingedruckten.
Konkrete Produkte und Durchführungsverordnungen lagen zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht vor. Dieser Beitrag fasst öffentlich diskutierte Eckpunkte zusammen und ersetzt keine individuelle Finanz- oder Steuerberatung.
Ich bin gespannt, was daraus wird. Und sobald die konkreten Produkte auf dem Tisch liegen, schauen wir sie uns gemeinsam an.
Was hältst Du vom AV-Depot? Schreib mir gern Deine Gedanken dazu!





